Abfahrt Bahnsteig 9 3/4 - retour von einer sehr interessanten Bahnreise durch England und Schottland

Gruppe beim Schottischen Eisenbahnmuseum in O'Bonne. Links und rechts die freiwilligen Mitarbeiter, die uns eine Führung gemacht haben. Foto: Jonas Werth.
13.06.2023

Nach einer pandemiebedingten Pause hat der Verein Freunde der Eisenbahn wieder einer ihrer traditionellen Fernreisen durchgeführt. Doe letzte führte 2019 in die Kaukasus-Region. Diese Fahrten findet man in keinem Katalog, sie werden gemäß unseren Vorgaben eigens konzipiert, in diesem Falle von Primus-Reisen. Solche Reisen dienen dem Erkunden des Schienenverkehrs anderer Länder, aber auch die kulturellen Aspekte spielen eine Rolle. Innerhalb der besuchten Länder wird - wo möglich - mit der Bahn gefahren.

Diesmal starteten wir unsere Bahnreise in London auf dem architektonisch interessanten Bahnhof King's Cross, nicht ohne vorher dem naheliegenden S. Pancraz-Bahnhof (für die Züge unter dem Ärmelkanal nach Festlandeuropa) einen Besuch abgestattet zu haben. Zu dem alten Kings-Cross-Bahnhofsgebäude gesellt sich ein moderner Erweiterungsbau. Harry-Potter-Fans finden sich am imaginären Bahnsteig 9 3/4 ein. Dort kann man sich vor einem Koffer und Käfig abbilden lassen, ein langer Schal wird gereicht (Motive aus einem der Romane). Wir fahren mit den neuen Azuma-Triebwagenzügen der LNER (London Nord Eastern Railway) auf der Route des legendären Flying-Scotsman nach York. Der historische, mit Dampf betriebene Schnellzug fuhr Nonstop London-Edinburgh, unterwegs saugte die Lok Wasser aus einem zwischen den Schienen liegenden Kanal. Der Azuma-Zug ist eine hybride Konstruktion: er fährt unter Fahrdraht mit Strom, aber auf nichtelektrifizierten Strecken - z.B. in Schottland - mit Dieselmotoren. Wie alle modernen Züge ist er sehr eng, zumindest in der Standardklasse.  Ich erinnere mich mit Wehmut an die alten Intercity-Züge auf der Strecke mit der geräumigen Sitzanordung mit großen Tischchen. Der Zug fährt durch grüne Landschaften mit sattgelben Rapsanbauflächen. York ist unsere erste Station, weil da das englische Eisenbahnmuseum lockt (nicht nur, aber die kulturellen Highlights würden den Bericht überfrachten). Im Eisenbahnmuseum erleben wir die Geschichte der britischen Bahn von Anfang an (z.B. den Nachbau der Lok "Rocket" und die dazugehörigen wie Kutschen aussehende Wagen von Ingenieur Stephenson für die erste Personeneisenbahn (1825). Die wohl schönste Dampflokomotive, die stromlinienförmigen Mallart, schnellste Dampflok der Welt, ist zu bewundern - und natürlich vieles mehr.

Nächstes Station ist die Hauptstadt Schottlands, Edinburgh, wie Rom auf sieben Hügel erbaut. Im Stadtbild ergibt sich so ein interessantes Auf- und Ab von Sträßchen. Der altehrwürdige Bahnhof Waverley liegt tief im Tal. In Edinburgh schlendern wir die Royal Mile entlang vom Palace of Holyroodhouse (offizielle Residenz der britischen Könige in Schottland) über die St.-Giles-Kathedrale bis zum Edinburgh-Castle und erleben um Punkt 13 Uhr die "One O'Clock-Gun (Kanone), anschließend sehen wir die schottischen Kronjuwelen und die Great Hall. Eine Whisky-Verkostung in der "Scotch Whisky Experience" darf natürlich nicht fehlen. Sechs verschiedene Sorten mit jeweils anderes Geschmacksbild sollten wir jetzt nach Anbaugebiet und Herstellungsweise unterscheiden können.
Die Uhr vom Turm des Bahnhofhotels in Edinburgh geht traditionsgemäß immer ein paar Minuten vor, damit jeder den Zug erreicht. Auch so ein Harry-Potter-Motiv.
Wir machen einen Ausflug zu den berühmten Firth-of-Forth-Brücken. Drei sind es nun, darunter die berühmte Bahnbrücke mit den vielen roten Metall-Verstrebungen aus dem Jahre 1890. Nicht nur Züge interessieren uns, auch andere technische Wunderwerke, so das rotierende Schiffshebewerk Falkirk wheel. Wir kommten an zwei riesigen metallenen Pferdeköpfen vorbei, welche die Schleusen bewachen. Es handelt sich um die Kelpies, das sind mystische Wassergeister. Ein eindruckvolles Kunstwerk des schottischen Künstlers Andy Scott. Ein besonderer Programmpunkt ist der Besuch des Schottischen Eisenbahnmuseums in Bo'ness. Einer der ehrenamtlichen Eisenbahnfreunde mit Deutschkenntnissen zeigt uns die Schmuckstücke des auf einem ehemaligen Bahnhof liegenden Museumsgeländes. Stolz zeigt er uns eine Halle, wo in vielen Arbeitsschritten alte Dampflokomotiven wieder fahrfähig gemacht werden. In einer weiteren Halle und auf dem Freigelände befinden sich zahlreiche gut gepflegte Fahrzeuge, aus allen möglichen Epochen der schottischen Bahngeschichte. Der Verein betreibt auch einen touristischen Dampfzug und wartet auch Nostalgiezüge, wie den Luxuszug Northern Bell. Es fällt auf, dass alles sehr gepflegt und gut beschriftet bzw. bebildert ist. Wir gratulieren den Kollegen Eisenbahnfreunden herzlich zu ihren Leistungen und wünschen viel Erfolg!

Wir schauen uns natürlich auch mit der deutschstämmigen Reiseleiterin Kerstin viele interessante Sehenswürdigkeiten an, sie ist auch noch in Glasgow mit dabei, wohin wir mit dem Lokalzug der Scotrail gelangen. Vom Bahnsteig ins Hotel sind es nur ein paar Schriffte, dasTeil des Glasgower Grand Central Bahnhofes ist. Glasgow hat mit dem "Riverside museum" ein modernes Transportmuseum, entworfen von der Stararchitektin Zarah Zahid. Nicht nur Eisenbahnen, sondern alles, was die Entwicklung der Mobilität ausmacht (Autos, Fahrräder, Feuerwehrauto, auch Schiffe), wird dort museumsdidaktisch vorbildlich dargestellt. Interessant die ehemalige Glasgower Untergrundbahn (eine der ältesten der Welt), die mit ständig rotierenden Stahlseilen bewegt wurde, in die sich der Kondukteur mit einem Mechanismus ein- und ausklinkte.

Nun ist es Zeit, die Western-Highland-Linie zu befahren. Vom Glasgower Queensstreet-Bahnhof aus startet der Triebwagen der Scotrail zur Fahrt in das Atlantik-Hafenstädtchen Oban. Die Strecke führt durch eine Hochebene mit ausgedehnten Weideflächen und kaum Wald, vorbei an zahlreichen Seen und Flussläufen. Intensives Grün mit vielen weißen Punkten (Schafe), dazwischen gelbeTöne: allgegenwärtig der Ginster! Die Western-Highland-Linie  gilt als eine der spektakulärsten Bahnstrecken der Welt. Ebenso wie in Südtirol sind die Bahnhofsschilder zweisprachig, auf Englisch und in Gälisch. Der Bahnhof Corrour, den wir durchfahren, ist der höchste Englands und hat keine Straßenanbindung. Im anliegenden Station-House gibt es Zimmer für Wanderer und ein Restaurant.

Das Hafenstädtchen Oban überrascht mit einem Hauch von Rom: ein reicher Kaufmann ließ es sich nicht nehmen, das Colosseum (in kleinerem Stil) nachbauen lassen, dieses seltsame Bauwerk thront nun über der Stadt, von wo aus man einen schönen Blick auf die Buchten und vorgelagerten Hebrideninseln hat.

Wir fahren wieder etwas zurück und steigen um in den Zug nach Fort William. Dorthin wollen wir, weil von dort aus startet der "Jakobite-Steam-Train", ein dampfbetriebener Touristikzug mit Wagen aus den 50er-Jahren, der uns über das beeindruckende Glennfinnan-Viadukt fährt, bereits Kulisse für viele Filme, unter anderem fuhr Harry Potters Hogwart-Express darüber. Wir haben es schon am Vormittag bei einem Ausflug von oben und unten bewundert. Im Bahnhof Glennfinnann gibt es ein kleines Eisenbahnmuseum und einen abgestellten, bewirtschafteten Speisewagen. Dann geht es weiter an Fjorden und Seen und an Weidegründen, bis wir den Küstenort Mallaig erreichen. Wir setzen von dort mit der Fähre auf die Insel Skye über, nach einer langen Taxifahrt quer durch die Insel erreichen wir das Städtchen mit den bunten Häusern im Hafen namens Portree, das unser Abendquartier wird. Am Tag darauf erleben wir mit dem Kleinbus die beeindruckenden Bergformationen wie The Cullin Hills und die weitläufige Landschaft der Insel und besuchen noch die Tallisker Whisky-Destillerie. Über die Brücke zum Festland erreichen wir das geschichtsträchtige Eilean Donan Castle. Unser Kleinbus bringt uns schließlich weiter nach Loch Ness (das Ungeheuer lässt sich auch heute nicht sehen) und Inverness, immer wieder mit Stopps an schönen Aussichtspunkten.

Um nach London zu kommen, besteigen wir in Inverness den modernen Schlafwagenzug Caledonian Sleeper. In 2er-Bett-Kabinen mit sanitärer Zelle geht es dahin. Im Clubwagen bekommt man was zu essen und den mittlerweile zur Gewohnheit gewordenen Whisky, der einem in den Schlaf hilft. Was wir zum Frühstück wollen, haben wir bereits auf einer Bestellkarte ausgefüllt. Es gibt auch schottisches Frühstück mit Haggis, Black Pudding (Blutwurst), gebackene Bohnen, gebratene Pilze, Grillwürstchen, gebratener Schinken und Spiegeleier. Der Zug nimmt in der Nacht noch Kurswagen von Fort William und Aberdeen auf und erreicht mit 16 Wagem eine beachtliche Länge. Zehn Minuten vor Plan erreichen wir den Londoner Bahnhof Euston. Von dort ist es nur kurz zum Bahnhof King's Cross, wo wir unser Gepäck einstellen. Wir haben noch einen Tag Zeit für London!

Unser tüchtiger Reisebegleiter Jonas Werth von Primus-Reisen kennt sich in London gut aus und macht mit uns eine ausgeklügelte Stadtwanderung, bei der wir alle wichtigen Gebäude und Orte aufsuchen. Gewissermaßen uns zu Ehren exerziert die königliche Garde mit großem Aufgebot in der Nähe des Buckingham-Palastes. An der Tower-Bridge konnten wir erleben, wie für ein Marinischiff die Brücke hochgefahren wurde. Ein sehr schöner Abschluss einer sehr erlebnisreichen Reise. Mit der Picadilly-Line der Tube (der Londoner U-Bahn) geht es in einer über einstündigen Fahrt zum Flughafen Hearthrow. Zu erwähnen ist noch, dass wir die ganze Zeit über gutes bis schönstes Wetter hatten.

Eine Sammlung von fotografischen Eindrücken und Landschaftsbildern finden Sie hier (Autor: Jonas Werth)

Fahrt mit dem Jakobite-Dampfzug über das Glinnfennan-Viadukt
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