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Mit vielen Eindrücken zurück aus Fernost: Mitglieder-Bahn-und-Kulturreise ein voller Erfolg!
Kürzlich kam die Gruppe aus 14 Mitgliedern von der Bahn-und-Kulturreise in den fernen Osten zurück. Bereist wurden die Länder China, Mongolei und Südkorea. Bei unseren Fernreisen spielen natürlich die Bahnfahrten eine große Rolle, wollen wir doch erleben, wie andernorts Eisenbahn funktioniert und welchen Stellenwert sie hat, immer auch mit dem Gedanken, Anregungen für die Optimierung des Südtiroler Bahnverkehrs mitzubringen. Wie schon bei vorhergehenden Fahrten, spielt natürlich das Kennenlernen anderer Kulturen, der Besuch von historischen Stätten und Museen, der Besuch von Theateraufführungen eine große Rolle. Unmöglich ist es, in diesem Bericht all die vielen Sehenswürdigkeiten zu erwähnen, die wir besichtigt haben. Beschränken wir uns also im wesentlichen auf die Erlebnisse bei den Bahnfahrten.
Diese Reise gibt es in keinem Katalog! Sie wurde speziell - wie schon bei den vorjährigen Reisen - vom Mitglied Ingrid Vent nach den Vorgaben des Präsidenten Walter Weiss für uns extra zusammengestellt. Und sie war ein Meisterwerk an Organisation. Alle Flüge, Zugfahrten, Transfers liefen ab wie ein Uhrwerk. Nicht eingeplant war allerdings ein kleines Erdbeben in Südkorea, das uns während einer landestypischen Mahlzeit in einem koreanischen Restaurant überraschte. Besonders zu loben sind die vier lokalen Reiseleiter/-innen, die nicht nur für eine präzisen Ablauf sorgten, sondern uns auch die kulturellen Eigenheiten ihres Landes lebendig vermittelten und uns auch Einblicke in das Leben ihrer Familien ermöglichten.
Schon auf der Fahrt mit dem Bus vom Flughafen in die Pekinger Innenstadt merkten wir die Folgen der Motorisierung: Die Massen an Fahrrädern sind verschwunden, die Stadt ist von vielspurigen Autobahnen durchzogen und umrundet. Inn den Spitzenzeiten wird der Verkehr sehr zäh, daher ist die U-Bahn mit 18 Linien und einem Streckennetz von 554 km eine empfehlswerte Alternative. Der Bauboom der letzten Jahre ist unübersehbar: unendlich viele ungewöhnlich hohe Appartmenthäuser säumen die Einfall- und Ringstraßen dieser Megalopolis.
Die Schriftzeichen auf dem Pekinger Hauptbahnhof, einem riesigen Bau aus dem Jahre 1957, stammen von Mao Zedong. Von dort aus starteten wir mit dem interkontinentalen Schnellzug Peking - Moskau. Unser Ziel war allerdings "nur" Ulan Bataar, die Hauptstadt Mongolei. Das sind lediglich 1356 km der insgesamt 7622 km langen Zugfahrt. Ins Auge stachen die Menschenmassen, die mit der Bahn verreisen und überraschend war die Sauberkeit im Bahnhof. Wir hatten etwas Pech mit unserem Waggon, dem eine Renovierung gut getan hätte. Durch eine Gebirgslandschaft ging es Richtung Mongolei. Wir konnten sogar Weinanbau entdecken und genossen im Speisewagen eine Flasche "Great Wall" (Die große Mauer). Spät am Abend gab es für uns Eisenbahnfans ein besonderes Spektakel: die Umspurung des gesamten Zuges von chinesischer Normalspur auf Breitspur. Der Zug wird in einen Halle gefahren. Alle Wagen werden getrennt, einzeln mit einer Hebevorrichtung hochgehoben, die Drehgestelle (die am Boden bleiben) werden weggerollt und es kommen neue darunter. Der Waggon wird wieder gesenkt, wobei natürlich geachtet wird, dass die neuen Drehgestelle auch richtig einrasten. Schließlich legten wir uns in den 4-Bett-Abteilen zur Ruhe und schaukelten durch wüstenhafte und steppenhafte Landschaften.
Am nächsten Tag war die Überraschung der mongolische Speisewagen, der reichlich mit Schnitzereien mit Motiven zur Landesgeschichte dekoriert war und bei dem die Speisenauswahl wesentlich umfangreicher war als im chinesischen am Tag davor. Am Nachmittag erreichten wir pünktich Ulan Baatar.
Wir machten einen Abstecher in den Gorkhi Terlj National Park, schliefen dort in einem Jurtencamp und waren bei einer Nomadenfamilie zu Gast. Beeindruckend war eine Folkloreaufführung im Nationaltheater, nicht zuletzt auch wegen der Akrobatikeinlagen durch eine äußerst biegsame Schlangenfrau.
Am 6. Tag flogen wir von Ulan Baatar nach Seoul, der Hauptstadt Südkoreas. Es ging sich noch eine Fahrt nach Suwon zur Hwaseong-Festungsanlage aus. Abends betrachteten wir das bunte und glitzernde Stadtbild der Megastadt vom Aussichtsturm aus.
Der Koreakrieg und die daraus resultierende Trennung des Landes mit Systemen, die gegensätzlicher nicht sein könnten, ist ein ständiges Trauma. Eine Fahrt führte und in die Demilitarisierte Zone an der Grenze zu Nordkorea. Während einer Periode der Entspannungspolitik wurde die Bahnverbindung nach Nordkorea wieder instand gesetzt, ist aber nicht in Betrieb. Im Bahnhof Darsean träumt man immer noch von der Bahnverbindung über Nordkorea und die Transsib bis nach Europa. Es gibt auch einen Bahnsteig für die Züge nach Pyöngyang. Es fuhr aber nur gerade einmal ein Zug. Das Verhältnis der beiden Länder zueinander ist sehr gespannt, das spürte man auf Schritt und Tritt.
Das Nationalmuseum in Seoul ist ein architektonischer Prachtbau. Wir setzten uns im Schnelldurchlauf mit den Zeugnissen der vielfältigen Kulturgeschichte des Landes auseinander. Abends besuchten wir eine Folkloreshow, wobei auf alten Instrumenten gespielt wurde. Etwas gänzlich Neues waren Künstler, die zu Musik lange am Hut befestigte Bänder in Schwung brachten und damit tolle Figuren erzeugten.
Am 8. Tag ist wieder eine Bahnfahrt auf dem Programm. Vom großzügig angelegten Seouler Hauptbahnhof starten wir mit einem KTX-Hochgeschwindigkeitszug. Es ist unverkennbar eine Weiterentwicklung des französischen TGV. Das Gebäude des historischen Bahnhofes in Seoul wird für Kunstausstellungen genutzt,
An Reisfeldern und an Städten mit riesigen Wohnblöcken vorbei, brachte uns der KTX nach Daegu, von wo aus wir mit dem Bus in die alte Hauptstadt des Königreiches Silla, Gyeongju gelangten. Die Besichtigung dieser großartigen Zeugnisse alter Kulturen müssen wir hier überspringen. Wir gelangen nach Busan, der zweitgrößten Stadt Südkoreas und einer Millionenstadt mit riesigen Hafenanlagen. Der Fischmarkt ist einer der Sehenswürdigkeiten und wir genossen dort auch herrliche Fischessen. Einige Mitglieder der Truppe ließen es sich nicht nehmen, den Bahnhof zu besuchen. Dort trafen wir den modernsten Zug Koreas, den KTX II "Sancheon" an.
Am 10. Tag geht es wieder zurück nach China, diesmal nach Shanghai. Dort scheint alles von Superlativen geprägt zu sein. Vom Flughafen führt die Magnetschwebeeisenbahn MAGLEV rund 12,5 km in die Stadt. Für kurze Zeit wird eine Geschwindigkeit von 430 km/h erreicht.
Im flächengrößten Bahnhof Asiens, Shanghai-Hongqiao bestiegen wir den CRH380A, das Flagschiff der Chinesischen Bahn, das uns in etwas mehr als 1 Stunde nach Hangzhou brachte. "380" bedeutet, dass er 380 km/h erreichen könnte. 2010 hat dieser Zug bei einer Testfahrt die Höchstgeschwindigkeit von sage und schreibe 486 km/h erreicht! Die Höchstgeschwindigkeit für alle Hochgeschwindigkeitszüge in China ist nach einem verhängnisvollen Unfall im Jahre 2011 auf 300 km/h reduziert worden,
Hanghzou ist wohl eine der maleristen Großstädte Chinas, wunderschön gelegen zwischen dem legendären West-See und dem Quiantang-Fluss. Es war auch Tage davor Konferenzort für den G20 und deshalb besonders "herausgeputzt". Bereits zu Zeiten Marco Polos war diese Stadt eine Weltstadt und Zentrum eines riesigen Reiches. Zu besichtigen gibt es viel: Pagode der sechs Harmonien, Tempelkloster der Seelenzuflucht zum Beispiel. In Stadtnähe gibt es Teeplantagen und wir verkosteten (und kauften) den berühmten Drachenbrunnentee. Jedes Jahr um diese Zeit kommt eine riesige Gezeitenwelle den Quiantang herauf, heuer kam sie zwei Tage nach unserer Abfahrt. Es ist dies eine große touristische Attraktion.
Am 12. Tag schließlich unternahmen wir die letzte Bahnfahrt auf der Reise. Der Bahnhof von Hanghzou hat (wie auch die von Shanghai und Peking riesige Ausmaße) und sieht aus wie ein Flughafengebäude. Massen von Reisenden warten auf ihre Züge. Es gibt viele Geschäfte und Restaurants. Etwas merkwürndig schon, dass es für den Erwerb einer Fahrkarte einen Reispass bedarf.
Der hohe Grad an Organisation ist verblüffend. Die Bereiche für angekommende und abfahrende Reisende sind getrennt. 20 Minuten vor Abfahrt öffnet sich die Sperre und man fährt auf die Ebene der Gleise hinunter, Empfangen wird man von Hostessen. Vielleicht erreichen wir in Bozen mit dem Neubau des Bahnhofes und dem Anschluss an den BBT auch einmal dieses Niveau.
Mit dem Hochgeschwindigkeitszug rasten wir fast durchwegs mit 300 km/h durch die ostchinesische Landschaft in Richtung Peking und brauchten für die 1.023 km lange Strecke etwas weniger als 6 Stunden. Bereits viele Jahrhunderte davor wurde das Riesenbauwerk "Kaiserkanal" gebaut, der Hangzhou mit Peking verband und für die damalige Zeit das effizienteste Verkehrsmittel darstellte,
Der Zug war sehr sauber und es wurde ständig geputzt. Alle Sitze sind in Fahrtrichtung gedreht. Allerdings sitzt man in der 2. Klasse zu fünft in einer Reihe. Unser CHR3 kann seine Verwandtschaft mit dem ICE3 nicht leugnen, kein Wunder, hat doch China beim Aufbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes zunächst auf deutsche Technik gesetzt. Mittlerweile baut es seine Hochgeschwindigkeitszüge in Eigenregie.
Zum Abschluss ein paar Notizen zu den Plänen der chinesischen Regierung die Bahn betreffend:
Die China Railway-Gruppe nutzte die InnoTrans 2016, um über die rasante Entwicklung des Bahnverkehrs in ihrem Land zu informieren. Die Gesamtlänge des Schienennetzes von derzeit 121.000 Kilometern soll nach dem von der Regierung im Juli verabschiedeten Entwicklungsplan bis 2020 auf 150.000, bis 2025 auf 175.000 und langfristig auf 200.000 Kilometer ausgebaut werden. Die darin enthaltenen Hochgeschwindigkeitsstrecken sollen von momentan gut 20.000 Kilometern bis 2025 auf 38.000 und danach auf 45.000 Kilometer wachsen.
China Railway verfügt derzeit über 21.000 Lokomotiven, 68.000 Passagier- und 769.000 Güterwaggons, darunter 2.503 Hochgeschwindigkeitszüge, die im Tagesdurchschnitt vier Millionen Passagiere befördern. 2015 hat das Unternehmen insgesamt 2,5 Milliarden Reisende befördert, die jährliche Zuwachsrate lag in den vergangenen drei Jahren bei jeweils zehn Prozent.
Etwa doppelt so hoch liegen die Zuwachsraten im Frachtbereich, der 2015 auf 3,36 Milliarden Tonnen kam. Rund 110 Milliarden Euro werden jährlich in den Ausbau und die Modernisierung des Streckennetzes investiert.
(Pressemeldung China Railway, 23.09.16).
Herbert Kaserer




