Wer eine Reise tut ...

Walter Weiss sichtlich vergnügt auf einer Draisine. Im Hintergrund Waggons der "Sarganser Achter"-Bahn in Serbien (Bild: Herbert Kaserer)
08.05.2017

Bericht von einer Interrailreise im Jahre 2017

Zwei Herren haben ein besonderes Hobby. Sie lösen eine 5-tägige Interrail-Karte und gehen irgendwo in Europa auf Bahn-Erkundungsreise. Das nun schon seit einigen Jahren. Es sind dies Walter Weiss, Präsident des Vereins der Eisenbahnfreunde und Herbert Kaserer, der diese Website pflegt. Wir beide pflegen eine Reisekameradschaft und haben das Reisen zu einer Art Kunstorm entwickelt.

Diesmal führte die Reise nach Ex-Jugoslawien und Ungarn. Die Eisenbahn ist seit dem Untergang Jugoslawiens leider stark ins Abseits geraten. Der Personenverkehr wird fast zur Gänze von den Bussen bestritten. Von diesem Desaster künden die vielen Bahn-Friedhöfe an den Strecken und Langsamfahrten quasi im Schritttempo über lange Strecken. Es ist nur mehr wenig Rollmaterial vorhanden, vieles stammt noch aus sozialistischer Zeit und es ist oft in einem schlechten Zustand, meistens mit Graffiti vollgeschmiert. Es gibt aber nicht nur Niedergang, sondern auch ein paar Lichtblicke, von denen wir hier berichten können.

Von Zagreb nach Sarajevo fuhr bis vor kurzem noch ein Zug, die einzige "internationale" Bahnverbindung nach/von Bosnien-Herzegowina. Dabei kamen sogar moderne Züge, die in Spanien von der Firma Talgo angekauft wurden, zum Einsatz. Aber nur kurze Zeit, denn die Zusammenarbeit zwischen den Ex-Jugoslawien-Staaten ist nach wie vor sehr schwierig. Die Züge sind für die dortigen Gleise auch überdimensioniert, würden nämlich sogar 200 km/h schnell fahren können, die Höchstgeschwindigkeit in Bosnien liegt bei 70 km/h! Diese Züge sollen aber in Zukunft wieder fahren.- Allso nahmen wir ,(gezwungenermaßen) den Bus.

In Sarajevo gibt es zwar noch einen großen Bahnhof, der ist aber fast menschenleer, denn es fahren zur Zeit nur ganz wenige Züge. Auch nach Belgrad kommt man zur Zeit nicht mehr per Bahn und die interessante Strecke nach Süden, an Mostar vorbei ins kroatische Ploče ist zur Zeit ebenfalls,gesperrt, wegen Bauarbeiten, wie es heißt. Also gibt es noch Hoffnung auf eine Wiedereröffnung.

In Sarajevo fuhren wir auch mit Ex-Wiener-Straßenbahnen. Im öffentlichen Verkehr gibt es viel Gebrauchtes, manchmal sieht man Busse mit der Aufschrift "Dienstfahrt" oder noch mit der letzten Zielanzeige einer deutschen Stadt. Vor dem im maurischen Stil von den Österreichern gebautem Rathaus stand eine Leitner-Werbe-Gondel, im Einsatz in den nahen Skigebieten.

Bosnien-Herzegowina wird aus 2  Teilstaaten gebildet, der Föderation Bosnien-Herzegowina und der Serbischen Republik, die jeweils eine eigene Eisenbahngesellschaft betreiben und ohne technischem Grund an den "Grenzen" die Lok wechseln.

Weiters standen Međugorje (nur kurz) und Mostar auf dem Programm. Den Marienwallfahrtsort Međugorje im Süden von Bosnien-Herzegowina besuchen ca. eine Million Pilger im Jahr, darunter auch Pilger aus Südtirol. Sie glauben daran, dass 1981 die Muttergottes erschienen ist.

In Mostar waren wir beeindruckt von der legendären Brücke über die Neretva, dem Wahrzeichen der Stadt. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde im Jugoslawien-Krieg zerstört, in den Jahren danach aber wieder originalgetreu aufgebaut. In Mostar sowie auch auf der Fahrt übers Land erinnern immer noch Ruinen an die unseligen Auseinandersetzungen in den Neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Das nächste Ziel war Podgorica, ehemaliges Titograd und nun die Hauptstadt von Montenegro. Die Bus-Route führte durch dien östlichen Teil der Serbischen Republik. Viele neue Häuser sehen aus, als wären sie noch im Rohbau oder sie sind nur teilweise fertiggebaut. Andere Häuser wiederum scheinen verlassen. Nicht zu vergessen, dass es zu ethnischen Säuberungen gekommen ist und viele Vertriebene nicht mehr zurückgekommen sind.

In Podgorica fielen ins Auge: die Millenniumsbrücke und die Auferstehungskathedrale, ein Neubau aus dem Jahre 2013.

Von hier aus ging es endlich wieder mit dem Zug weiter und zwar mit einem modernen Triebwagen (der spanischen Firma CAF) zur Hafenstadt Bar.
Die nächste Etappe war ein absolutes Highlight. Wir fuhren mit dem derzeit einzigen noch fahrenden Zug von Bar über die spektakuläre Bergstrecke nach Serbien. Sie war eines der ambitioniertesten Projekte der Jugoslawischen Staatsbahn und ist erst 1976 fertiggestellt worden. Zunächst fuhren wir an der Adriaküste entlang, nach einem langen Tunnel erreichen wir den Skutari-See, den wir auf einer Brücke überqueren. Die Gebirgsbahn überquert drei Gebirgszüge im Dinarischen Gebirge. Die Streckenführung im schwierigen Gelände machte 254 Tunnel und über 243 Brücken notwendig. Sie gilt als eine der schwierigsten Trassenführungen Europas.
Es waren auch noch österreichische Eisenbahnfreunde und aus anderen Ländern mit an Bord. Die Bahn Bar-Belgrad ist ein absoluter Geheimtipp und es ist zu hoffen, dass nach Abschluss der Rekonstruktionsarbeiten wieder mehr Züge sie befahren. So sollte es auch wieder die direkten Kurswagen von Bar nach Moskau, Budapest und Prag geben.
Wie überall an den Grenzen wird auch hier intensiv und langwierig kontrolliert, was die Fahrtzeiten weiter erhöht. Es gibt in der Regel zwei Kontrollen an verschiedenen Bahnhöfen (Ein- und Ausreise). Der Zug wird regelrecht auseinandergenommen, um nach verstecktem Schmuggelgut zu suchen.

Ein weiterer Höhepunkt war die Fahrt mit der "Šarganer Achter", einer Schmalspul-Bahnlinie an der Grenze zwischen Serbien und Bosnien-Herzegowina im Ort Mokra Gora, die 1999 wieder aufgebaut wurde und heute beliebtes Ziel von Touristik- und Schülergruppen ist. Und natürlich von Eisenbahnfreunden aus aller Welt. Da trafen wir auch unsere österreichischen Bahnfans vom Zug Bar-Belgrad wieder. Die Bahn wurde sogar bis Visegràd in Bosnien verlängert, doch gefahren wird darauf selten.

Diese Strecke ist der Rest eines einst weitläufigen Systems von Schmalspurstrecken, die aufgelassen oder auf Normalspur umgebaut worden sind. Auf wenigen Kilometern Luftlinie ist ein Höhenunterschied von 240 m zu überwinden, was mit einer aufwändigen Anlage von Schleifen und Tunnels erreicht wird,  so dass die Streckenführung von oben gesehen wie eine Acht aussieht, daher der Name.

Die Bahn und das Drum-Herum machte einen guten Eindruck (saubere Fenster, gute Pension und gutes Restaurant am Bahnhof, Souvenir-Stand, Prospekte, Erklärungen und Fotohalte während der Fahrt usw.). Dies scheint wohl die mittlerweile einzige rentable Strecke in Serbien zu sein. Normalerweise werden die Züge von Diesellokomotiven gezogen, es gibt aber betriebsfähige Dampflokomotiven für Sonderfahrten und auch Panorama-Wagen der Zillertalbahn sind im Einsatz. Die Zillertalbahn ist auch in der sog. "bosnischen Spur" mit 76 cm ausgeführt, wie es auch die Grödnerbahn war.

In Mokra Gora gibt es noch eine weitere Attraktion: ein nach dem Jahrhundertwechsel  angelegtes Bergdorf in Serbien mit Namen Drivengrad (Dorf aus Holz). Die vom Regisseur Emir Kusturica errichtete Ortschaft, das sich an der Drehstätte zu seinem Film Das Leben ist ein Wunder befindet, wird fortlaufend ausgebaut.

Wir machen nun die zweite Etappe mit der Bar-Belgrad-Bahn und fahren von Užice nach Belgrad.  Vor Belgrad gibt es Schienenersatzverkehr mit Bussen, weil die Strecke renoviert wird. Der ist gut organisiert. Der Zug war übrigens voll besetzt, ein Zeichen, dass es trotz der Konkurrenz durch die Busse erfreulicherweise doch noch Fahrgäste gibt.

Vom Hotelzimmer aus hatten wir eine gute Sicht auf den Hauptbahnhof von Belgrad. Der hatte schon bessere Zeiten gesehen. Auf den ehemaligen Gleisanlagen, vor allem des Güterbahnhofes, bauen gerade chinesische Investoren das neue Business-Viertel "Belgrad Waterfront". Der Zugverkehr soll von hier zum neuen Durchgangs-Bahnhof "Belgrad Zentrum" verlegt werden. Der alte Hauptbahnhof hat dann ausgedient und soll ein Museum werden.

Ein Lichtblick sind 21 neue vierteiligen Flirt3, die im Städteverkehr eingesetzt werden und hohen Komfort bieten.. Sie werden offensichtlich besonders beaufsichtigt, denn sie sind ohne die üblichen Graffiti-Schmierereien und etwas vom Modernsten am Balkan..

Drei Personenzüge am Tag gibt es noch Richtung Budapest. Wir passierten die neue mit Zäunen befestigte Grenze zwischen Serbien und Ungarn, welche Flüchtlinge abhalten sollt. Auch diese Strecke harrt einer dringenden Aufwertung, ist die Höchstgeschwindigkeit wegen schlechten Oberbaus auf langen Strecken auf 40 km/h gesenkt, was die Fahrzeit sehr verlängert. Damit hat die Bahn gegenüber dem Bus natürlich keine Chance. Obwohl der Zug innerhalb Serbien gut belegt war. An mehreren Stellen im Lande wird der Oberbau ausgebessert, mit Hilfe russischer und chinesischer Kredite und Firmen, was dringend notwendig ist und etwas hoffen lässt.

In Budapest besichtigten wir das weitläufige Eisenbahnmuseum. Walter machte noch eine Bahntour rings um den Plattensee und genoss das kostenlose Reisen für Senioren in Ungarn, ich hingegen fuhr mit der Zahnradbahn auf den Schwabenberg und von dort mit der 11,2 km langen "Kindereisenbahn". Die Schmalspurbahn - in der uns jetzt schon bekannten bosnischen Spur (76 cm) - , die als Eisenbahn der kommunistischen Jugend erbaut, am Széchenyi-Berg entlang fährt, wird von 10- bis 14-jährigen Kindern betrieben, Erwachsene beaufsichtigen lediglich den Betrieb und führen die Lokomotiven. Offensichtlich lassen sich genug Kinder und Jugendliche dafür begeistern, denn an Personal schien es keinen Mangel zu geben. Ich ließ es mir auch nicht nehmen, mit verschiedenen Straßenbahn- und U-Bahn-Linien zu fahren, darunter die älteste U-Bahn am Kontinent aus dem Jahre 1896 mit Stationen im Originalzustand.

Erfreulich ist, dass nun die Eingangshalle des impostanten Budapester Ostbahnhofes aus dem Jahre 1884 mustergültig restauriert wurde. Der österreichische Railjet brachte uns nach Wien Hbf. (eines der ambitioniertesten Bahnprojekte der letzten Jahre in Europa) und dann über die ausgebaute Westbahnstrecke nach Innsbruck. Der Übergang zum Brenner-Lokalzug ist nur mehr sehr kurz und der am Brenner zum Zug nach Meran beträgt auch nur 10 Minuten, so dass man schnell ans Ziel kommt.

Bemerkenswert an dieser Reise ist, dass wir all unsere Programmpunkte ohne Probleme abwickeln konnten. Es gab keine Ausfälle an Bussen und Zügen und nur geringfügige Verspätungen. Die Unterkünfte entsprachen alle unseren Erwartungen. Es war wieder einmal eine gelungene Interrailfahrt, durchaus zum Nachahmen, wie wir meinen!
 

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